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Interview des Weser-Kurier mit Senatorin Ingelore Rosenkötter

Das Interview im Wortlaut:

"Wir brauchen das Engagement der Bürgerinnen und Bürger."

Weser Kurier: „Was heißt arm sein in Bremen?“

Ingelore Rosenkötter: „Arm sein heißt natürlich wenig Geld zu haben. Mit Armut sind aber oft auch geringe Bildungschancen, schlechtere Gesundheit, wenig Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben und vieles mehr verbunden.

Leben in Bremen mehr Arme als in anderen Großstädten? Es gibt viele Großstädte in Deutschland, die ähnliche Probleme haben.

Rechnen Sie damit, dass sich die Armut in Bremen angesichts der Finanzkrise weiter verschärft?

Die Arbeitslosenzahlen werden sich nach oben bewegen. Wir bemühen uns gemeinsam mit der Wirtschaft, den Gewerkschaften und der Agentur für Arbeit darum, dass die Unternehmen ihre Leute nicht entlassen, sondern Kurzarbeit einsetzen und die Zeit zur Qualifizierung nutzen. Wir appellieren an die Unternehmen, bei den Ausbildungsplätzen nicht nachzulassen.

Der Armuts- und Reichtumsbericht ist ein Stapel Papier. Kann so etwas helfen, Menschen mit ausreichend Nahrung und Bildung zu versorgen?

Der Bericht ist wichtig, weil er Bremen unter eine soziale Lupe legt. Er benennt Schwachstellen, aber auch Potenziale. Aus dem Bericht, der ja erst im Entwurf vorliegt und den wir gerade in Fachveranstaltungen diskutieren, müssen wir gemeinsam die richtigen Schlüsse ziehen. Wir wollen wissen: Wo stehen wir? Was haben wir schon geschafft? Was brauchen wir noch? Es ist ja nicht so, dass wir bei Null anfangen.

Hatten die übrigen Ressorts Vorbehalte, am Armutsbericht mitzuwirken?

Nein. Dem Senat ist klar, dass wir eine soziale, lebendige und solidarische Stadt nur gemeinsam erreichen können. Wir brauchen für ein soziales Bremen aber vor allem auch das Engagement der Bürgerinnen und der Bürger, und zwar von Arm und Reich.

Das klingt schön, aber kommen Sie damit gegen Einkommensarmut an? Dagegen, dass manche Menschen zu wenig zum Leben haben?

Wir tun auch was gegen Einkommensarmut. Bremen kämpft auf Bundesebene für Mindestlöhne. Es ist ein Skandal, dass viele Erwerbseinkommen nicht zum Leben reichen. Bremen hat sich auch für eine Verbesserung der Sozialleistungen für Langzeitarbeitslose eingesetzt. Mit Erfolg: Das Schulstart-Paket zum Beispiel kommt zum 1. Juli.

Was ist das Schulstart-Paket? Jedes Kind aus Familien, die Sozialgeld beziehen, erhält 100 Euro für alles, was zum Schulanfang gebraucht wird - vom Zirkel bis zum Turnbeutel.

Vom Bund etwas zu fordern, ist vergleichsweise einfach. Was tut Bremen, damit die armen Ortsteile nicht immer ärmer werden?

Wir investieren vor allem in die Infrastruktur der Stadtteile. Wir haben bereits die Kinderbetreuung ausgebaut. Es gibt mehr Personal, mehr Plätze, längere Betreuungszeiten, mehr Sprachförderung. Und es gibt das kostenlose Mittagessen für Kinder von Geringverdienern. Wir schaffen Quartiersbildungs- und Familienzentren in den sozial schwachen Stadtteilen. Die Menschen müssen Anlaufstellen und Treffpunkte haben. Wir möchten sie dazu bewegen, etwas für sich und für andere zu tun. Mit den Programmen "Wohnen in Nachbarschaften" und "Soziale Stadt" haben wir da schon viel erreicht. Es gibt in Bremen zwar arme aber keine heruntergekommenen Stadtteile.

Haben Sie beim Kampf gegen Armut einen persönlichen Wunsch?

Ich wünsche mir, dass alle Kinder ihre Potenziale entwickeln können. Eine wichtige Rolle spielen dabei beispielsweise die Sportvereine. Da werden Patenschaften für Kinder übernommen, deren Eltern sich den Beitrag nicht leisten können. Das sind kleine, aber glänzende Mosaiksteine einer sozialen Stadt.“