In Bremen wachsen viele Kinder in Familien auf, die mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind. Besonders in einigen Stadtteilen ist die (Kinder-)Armut hoch, was sich negativ auf die soziale Teilhabe sowie auf die Bildungs- und Gesundheitschancen der Kinder auswirkt. Zwar gibt es in Bremen bereits zahlreiche Angebote und Anlaufstellen, doch diese sind nicht immer optimal aufeinander abgestimmt.
Ein Grund dafür ist die sogenannte "Versäulung" der Bereiche Gesundheit, Bildung und Soziales: Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fachbereichen und Ebenen ist häufig nicht ausreichend abgestimmt. Dadurch erreichen die im Sozialraum erkannten Bedarfe oft nicht die Steuerungsebene, was zu Doppelstrukturen und Versorgungslücken führt.
Die Präventionskette setzt hier an: Sie bringt die verschiedenen Akteure zusammen, verbindet bestehende Angebote und schafft Strukturen, mit denen Bedarfe aus den Sozialräumen besser in die Planung und Steuerung einfließen können.
Ziel ist es, vorhandene Ressourcen besser zu nutzen, Zugänge zu Unterstützung zu erleichtern und gemeinsam Lösungen für die Bedarfe vor Ort zu entwickeln.
Um einen kontinuierlichen Austausch zwischen Steuerungs- und Angebotsebene zu ermöglichen, werden klare Strukturen und Kommunikationswege geschaffen.
In jedem beteiligten Sozialraum gibt es ein Koordinierungsteam, das die Präventionskette vor Ort umsetzt. Dieses Team ist Teil einer Strategiegruppe gemeinsam mit Vertreter:innen aus den zuständigen Behörden, so dass Bedarfe direkt besprochen und Lösungsvorschläge gemeinsam entwickelt werden können.
Aus den Bedarfen vor Ort werden so konkrete Maßnahmen entwickelt. Deren Umsetzung wird durch weitere ressortübergreifende Gremien auf Leitungs- und Senator:innenebene (SASJI, SGFV, SKB) unterstützt.
Auf diese Weise werden Bedarfe aus den Sozialräumen in die zuständigen Gremien eingebracht, gemeinsam bewertet und - wo erforderlich - gezielt unterstützt. So entstehen aus den Bedarfen vor Ort konkrete Maßnahmen, die im Sozialraum umgesetzt werden.
Die Präventionskette wird dort umgesetzt, wo Familien sich befinden: in den Stadtteilen, bzw. dort in ausgewählten Sozialräumen.
Jeder Sozialraum ist einzigartig und hat eigene Stärken und Herausforderungen. Gleichzeitig unterschieden sich die Stadtteile hinsichtlich ihrer sozialen Lage und der Unterstützungsbedarfe von Kindern und Familien.
Um gezielt zu unterstützen, werden die Sozialräume nach bestimmten Kriterien ausgewählt - zum Beispiel nach dem Anteil von Kindern in Armut, den Ergebnissen der Schuleingangsuntersuchungen oder der Betreuungsquote in Kitas.
Ziel ist es, dort anzusetzen, wo ein hoher Bedarf besteht. Zudem spielen bei der Auswahl die vorhandenen Strukturen der lokalen Fachkräfte und Einrichtungen eine Rolle.
So wird berücksichtigt, wo besonderer Unterstützungsbedarf besteht und gleichzeitig gute Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit vor Ort vorhanden sind. Die Präventionskette kann so dort ansetzen, wo sie besonders viel bewirken kann.
Huchting ist ein vielfältiger Stadtteil im Südwesten Bremens mit einer lebendigen Gemeinschaft und vielen jungen Familien. In Huchting arbeiten im Rahmen der Präventionskette verschiedene Akteure eng zusammen: Das Koordinierungsteam setzt sich aus Quartiersbildungszentrum, Quartiersmanagement, Gesundheitsfachkraft im Quartier (GiQ) und der Sozialraumkoordination zusammen.
Bis 2029 sollen drei weitere Sozialräume beim Aufbau von Präventionsketten begleitet werden. (siehe oben: zeitlicher Ablauf).
Gemeinsam mit dem Koordinierungsteam werden die Themen identifiziert, die für Familien im Sozialraum relevant sind. Damit die Maßnahmen den Bedarfen vor Ort entsprechen, werden sie so auf Basis der konkreten Ressourcen und Herausforderungen gemeinsam entwickelt. So sorgt die Präventionskette dafür, dass die Maßnahmen wirksam und praxisnah sind.
Wenn in ärztlichen Sprechstunden bei vielen Familien nicht-medizinische Probleme zur Sprache kommen, ist es nicht möglich, jedes Anliegen ausführlich zu besprechen und alle Familien eng bei der Inanspruchnahme von Hilfsangeboten zu begleiten.
Gerade bei Familien, die umfassendere Unterstützung benötigen, können die entsprechenden Bedarfe in der ärztlichen Praxis zwar häufig erkannt, aber nicht optimal adressiert werden.
Hier setzt die Familiensprechstunde an: Niedrigschwellige Beratungs- und Lotsenangebote, die zuvor bereits im Stadtteil weitervermittelt werden.
So kann eine Praxis als Zugangsort für Familien genutzt werden, für die Hilfsangebote sonst nur schwer zugänglich wären. Durch das Angebot in der Praxis kann diese Schwelle deutlich gesenkt werden.
Dies bedeutet einen Mehrwert für die betroffenen Familien, da sie frühzeitig und unkompliziert Unterstützung erhalten. Gleichzeitig profitieren auch die Ärzt:innen davon: Sie werden emotional entlastet, weil sie eine niedrigschwellige Möglichkeit haben, Familien weiterzuvermitteln.
In Bremen besuchen weniger Kinder eine Kita als im Bundesdurchschnitt, besonders in sozial benachteiligten Stadtteilen. Viele dieser Kinder haben einen hohen Sprachförderbedarf, ihre Eltern sind jedoch schwer erreichbar und erhalten wenig Informationen zu Unterstützungsangeboten.
Es fehlen geeignete Zugangswege außerhalb der Kita-Strukturen, so dass bestehende Angebote von Familien, die nicht im Kita-System sind, häufig nicht genutzt werden.
Die PRIMO-Sprachstandsfeststellung für Kinder ohne Kita-Besuch wurde deshalb als Zugangsmöglichkeit identifiziert.
Im Rahmen dieser Testung wurde ein niedrigschwelliges Elterncafé eingerichtet, in dem Stadtteileltern und Gesundheitsfachkräfte Eltern gezielt zu Kita-Anmeldung, Sprachförderung und weiteren Angeboten informieren.
Dadurch entstehen neue Zugänge zu schwer erreichbaren Familien, die besser informiert werden, sich vernetzen und Unterstützungsangebote häufiger nutzen.
Die vielfältigen Bedarfe der Eltern in Kitas werden in den alltäglichen Kontaktsituationen oft nicht ausreichend erkannt oder adressiert.
Viele Eltern kennen oder nutzen die Unterstützungsangebote im Stadtteil nicht. Gleichzeitig ist die Kita als vertrauter Ort für Familien bislang nicht ausreichend als Zugang zu diesen Angeboten genutzt worden.
Kitafachkräfte können meist nur eingeschränkt weitervermitteln. Deshalb wurden gemeinsam mit Kitafachkräften und weiteren Akteuren bestehende Angebote, wie Sprachkurse und Elternprogramme, stärker in die Kitas eingebunden. Zusätzlich wurden themenbezogene Elterncafés und ein Elternkalender entwickelt, der alle Angebote sichtbar macht.
Der Elternkalender bündelt die Angebote und macht sie für Familien direkt in der Kita sichtbar.
So werden Unterstützungsangebote für Eltern leichter zugänglich, die Zusammenarbeit zwischen Kita und Eltern wird gestärkt und die Erziehungspartnerschaft gefördert.
Weitere Maßnahmen werden im Rahmen der Präventionskette gemeinsam mit den Akteuren in den Sozialräumen entwickelt und umgesetzt.
Um die Struktur der Präventionskette in die Umsetzung zu bringen, wurde zunächst ein Pilotsozialraum auf Grundlage fachlicher Kriterien ausgewählt.
Huchting weist eine periphere Lage innerhalb der Stadtgemeinde Bremen auf, wodurch die Erreichbarkeit zentraler Angebote teilweise eingeschränkt ist. Zudem zählt der Stadtteil zu den Quartieren mit erhöhten sozialen Belastungsindikatoren, darunter ein überdurchschnittlicher Anteil an Alleinerziehenden sowie Haushalten im SGB-II-Bezug.
Vor diesem Hintergrund bietet Huchting geeignete Rahmenbedingungen, um eine sozialräumlich verankerte Präventionskette modellhaft zu erproben und gezielt zur Verbesserung von Entwicklungs- und Teilhabechancen von Kindern beizutragen.
Zahlen und Fakten (wie bei der Seite für die „Gesamtstrategie Frühe Kindheit: Aufwachsen in der Stadt Bremen“) mit Punkten wie:
- Einwohner Huchting -> 32.137
- Kinder U18 -> 21,8%
- Jährliche Bevölkerungsveränderung -> +1,4%
- Anzahl der Kinder mit einem festgestellten Sprachförderbedarf -> 67%
- U18 mit Migrationshintergrund -> 79,8% (vgl. Stadt Bremen 65,2%)
- SGB II – Bedarfsgemeinschaften mit Kindern -> 46% (vgl. Stadt Bremen 32,1%)
- SGB II – Bedarfsgemeinschaften Alleinerziehender -> 64,1% (vgl. Stadt Bremen 55,8%)